Warum der Spanische Bürgerkrieg in Bayreuth begann

27. September 2016

, , ,

SpanienReinhardNeudorfer_VSThemenabend mit Reinhard Neudorfer

Antifaschismus 1936: Lehren für heute?

Der Beginn des Spanischen Bürgerkrieges jährte sich im Juli zum 80. Mal.

Nur noch Geschichte? Weit gefehlt. Nach dem Putsch reaktionärer Militärs 1936 gegen die linke Volksfront beginnt der Spanische Bürgerkrieg.

Die Franquisten ermordeten bis zu 200.000 GegnerInnen des Regimes, welches bis 1975 andauerte. Die internationale, direkte, praktische Solidarität im republikanischen Spanien ab Juli 1936 ist mit über 40.000 Menschen in den Internationalen Brigaden gewaltig.

Verklärung einerseits, wenig Kenntnisse über die tatsächlichen Geschehnisse andererseits sind heute weit verbreitet.

Reinhard Neudorfer möchte mit seinem Vortrag und der anschließenden Diskussion Abhilfe schaffen. Er will Interesse und Neugier für diese Revolution und aktuelle Lehren daraus wecken.

Dienstag, 11. Oktober 19 Uhr
KOMMA Jugend und Kultur
Maille 5­-9 in Esslingen

Eine gemeinsame Veranstaltung von:
• KOMMA Jugend und Kultur
• VVN-BdA Kreisvereinigung Esslingen
• Rosa Luxemburg Stiftung

Erklärung der VVN-BdA Kreisvereinigung Esslingen zur Schließung der Kneipe „fünfbisneun“ und zu den Geschehnissen rund um das Lorchareal in Esslingen

23. August 2016

, , , ,

Wir möchten uns hiermit zu den Geschehnissen rund um das Lorch-Areal in Esslingen und zur Schließung der dort ansässigen Kneipe „fuenfbisneun“ positionieren.

2009 wurde angrenzend an das Lorch-Areal ein Jugendgästehaus eröffnet. Viele EsslingerInnen versprachen sich von diesem Jugendgästehaus eine preisgünstige und für junge Menschen ansprechende Unterbringungsmöglichkeit direkt im Zentrum Esslingens, das in unmittelbarer Nähe zum Jugendhaus und anderen kulturellen Einrichtungen gut angegliedert schien.

Innerhalb weniger Jahre wurde dieses Jugendgästehaus „EcoInn“ allerdings zu einem 3-Sterne-Hotel umkonzipiert, was nach kurzer Zeit zu Auseinandersetzungen zwischen dem Hotelbetreiber und der angrenzenden Kneipe „fuenfbisneun“, als auch dem Jugendhaus KOMMA führte. Grund hierfür sei die, laut des Hotelbetreibers anhaltende, Lärmbelästigung durch Veranstaltungen des KOMMA und den Kneipenbetrieb. Von Seiten des Jugendhauses als auch der Kneipe wurden vielseitige Maßnahmen getroffen, um den Konflikt zu entschärfen, beispielsweise Investitionen in den Schallschutz und Reduzierung des Betriebes.

Trotz dieser Maßnahmen nahmen die Beschwerden des Hotelbetreibers nicht ab, so dass sich die Betreiber des „fuenfbisneun“ nun gezwungen sahen, die Kneipe bis auf weiteres zu schließen. Auch für das Jugendhaus KOMMA könnte dieser Konflikt weitreichende Folgen haben, denn das Jugendhaus lebt unter anderem von den regelmäßig stattfindenden Großveranstaltungen.

Wir möchten an dieser Stelle betonen, wie wichtig wir das KOMMA als Kultur- und Jugendeinrichtung erachten und dass ein Fortbestehen in dieser Form notwendig ist. Seit mehreren Jahren finden regelmäßig Veranstaltungen der VVN-BdA im KOMMA statt, hierbei schätzen wir das KOMMA als Kooperationspartner sehr.

Auch wir nutzten das „EcoInn“ zur Unterbringung von Referenten, werden hiervon allerdings in Zukunft absehen und uns nach Alternativen umsehen. Wir schließen uns des weiteren den Forderungen des Esslinger Stadtjugendrings an (hier nachzulesen)

Wir wünschen uns ein weiterhin belebtes und kulturell vielseitiges Lorch-Areal mit all seinen bisherigen Einrichtungen!

Themenabend anlässlich Bertolt Brechts 60. Todestages

14. August 2016

, ,

Flyer zur Veranstaltung

Flyer zur Veranstaltung

Bertolt Brecht ist vielen als Autor von Theaterstücken wie „Mutter Courage und ihre Kinder“, oder „Die Dreigroschenoper“ bekannt. Der 1898 in Augsburg geborene Brecht war aber mehr als ein begnadeter Theaterschriftsteller. Er schrieb hunderte Gedichte und Bücher mit Kurzgeschichten. Bertolt Brecht berief sich in seiner Arbeit immer wieder auf Karl Marx, allerdings ohne jemals Mitglied der KPD gewesen zu sein.

1933 floh er aus Deutschland und wurde einer der wichtigsten Exilschriftsteller.

Nicht nur wegen seiner politischen Ideen schieden sich an ihm die Interpretationen. War er für die einen genial, warfen ihm später einige Journalisten und Germanisten vor, dass ein großer Teil seiner Werke gar nicht von ihm sei und er seine Umgebung ausgebeutet hätte.

Bertolt Brecht starb am 14. August 1956 in Ost-Berlin.

Im Vortrag von Janka Kluge wird auf das widersprüchliche Bild von Bertolt Brecht eingegangen.

September 2016 20:00 Uhr
Buchladen Die ZeitGenossen
Strohstraße 28
73728 Esslingen am Neckar

FIR: Solidarität mit den demokratischen Kräften in der Türkei!

1. August 2016

FIRLogoSchon seit Monaten verfolgen die Internationale Föderation der Widerstandskämpfer (FIR) – Bund der Antifaschisten und ihre Mitgliedsverbände die politische Entwicklung in der Türkei mit großer Sorge. Es war bereits erkennbar, dass die Regierungen unter Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan einerseits eine zunehmend expansionistische Politik mit Unterstützung der IS-Truppen in Syrien betrieb, andererseits innenpolitisch eine Einschränkung der demokratischen Freiheiten, insbesondere der Pressefreiheit. Trotzdem wurde Erdoğan seitens der EU-Administration im Frühjahr 2016 als Helfer in der Flüchtlingsfrage auserkoren, der – mit 3 Mrd. Euro honoriert – das Problem des Flüchtlingsstroms nach Europa lösen sollte.

Mit dem Militärputsch in der Türkei Mitte Juli 2016 wurde diese Entwicklung nicht gestoppt, sondern in verschärfter Form weiterentwickelt. Der gescheiterte Putsch, der selber sicherlich keinen Zuwachs an Demokratie gebracht hätte, wird von Erdoğan genutzt, um mit antidemokratischen Mitteln und unter Aufhebung der grundlegenden Freiheitsrechte seine Macht zu sichern. Zehntausende Lehrer, Richter und Leiter von Universitätsfakultäten sind bereits entlassen, viele Soldaten sind inhaftiert. Die Unterdrückungen gehen weiter und jetzt trifft es vor allem Journalisten. Die Kritik an der aktuellen Aufhebung der „Europäischen Konvention für Menschenrechte“ übersieht, dass bereits in den vergangenen Monaten in der Türkei schwere Verstöße gegen Freiheits- und Menschenrechte stattgefunden haben.

Jeden Tag erleben wir weitere Einschränkungen der demokratischen Freiheiten. Akademikern wird die freie Ausreise untersagt, tausende Reispässe werden annulliert, weit über 50.000 Beschäftigte des öffentlichen Dienstes haben bereits ihre Arbeitsplätze verloren. Über 50 Zeitungen und andere Medien verloren ihre Zulassungen, so dass die öffentliche Meinung nur noch von den Regierungsmedien beherrscht wird. Außerdem geht die polizeiliche und militärische Unterdrückung der kurdischen Bevölkerung im Südosten der Türkei in unverminderter Härte weiter.

Aus diesen Gründen rufen wir auf zur politischen Solidarität mit den demokratischen Kräften der Türkei, den Gewerkschaften, den verfolgten politischen Parteien, den demokratischen Medien und den Organisationen der Zivilgesellschaft. Ihre Handlungsfreiheit muss wieder hergestellt werden. Wir sind solidarischen mit den Menschen in der Türkei, die sich gegen einen autoritären, islamistischen Staat im Sinne von Staatspräsident Erdoğan wehren.

Wir fordern die Europäische Union auf, gegenüber der türkischen Regierung die Einhaltung europäischer Werte: Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Pressefreiheit sowie das Recht sich frei zu versammeln, sich friedlich zu äußern oder der eigenen Religion nachzugehen, einzufordern. Beitrittsverhandlungen mit der Türkei können nicht nur davon abhängig gemacht werden, ob nun die Todesstrafe wieder eingeführt werden soll.

Wir erwarten von der Europäischen Union, dass sie anstelle jenes Deals zu Lasten von Kriegsflüchtlinge gegenüber der türkischen Regierung unter Staatspräsident Erdoğan die Wiederherstellung demokratischer Rechte und Freiheiten in der Türkei einfordert.

Dr. Ulrich Schneider, Generalssekretär, 31.07.2016

Quelle: Fédération Internationale des Résistants – Association Antifasciste

„Nationalgarde“ – NEIN DANKE!

28. Juli 2016

In München läuft ein psychisch kranker 18-jähriger Deutscher Amok und erschießt neun Menschen, darunter sieben Muslime. Eines seiner Vorbilder war der norwegische Nazi und Massenmörder Anders Breivik.

Einen Tag später überfällt ein ebenfalls psychisch kranker Mann aus Syrien seine ehemalige Freundin mit einer Machete. Eine unter vielen Beziehungstaten wie es sie leider fast täglich irgendwo gibt.

Davor und danach verüben zwei junge Männer zwei Anschläge, die sie mit dem Terror des IS verbinden, und verletzen Menschen teilweise schwer.

Alle diese Taten sind entsetzlich, versetzen Menschen in Angst und Schrecken. Sie sind aber keine „blutige Anschlags-Welle“, wie Zeitungs-Seiten überschrieben werden.

Dennoch wird ab heute diskutiert, ob Deutschland eine „Nationalgarde“ brauche; es heißt, dazu gäbe es dazu konkrete Regierungspläne. Damit wird die Diskussion über den Einsatz der Bundeswehr im Inneren – angeblich von der Verteidigungsministerin vor zwei Wochen ad acta gelegt – neu befeuert.

Tatsächlich sind die Vorbereitungen dafür bereits weit gediehen. Das Konzept der flächendeckenden Zivil-Militärischen Zusammenarbeit (ZMZ) Inneres und ein neues Reservistenkonzept der Bundeswehr sichern schon heute die Option auf den Bundeswehreinsatz im Innern ab.

Offensichtlich soll nun diese bisher in der Öffentlichkeit wenig bekannte Variante der Militarisierung popularisiert werden. Und was eignet sich dafür besser als das Versprechen der „Terror-Abwehr“ in Zeiten von Angst und Schrecken auf allen Kanälen?

Wir sagen NEIN zu dieser neuen Dimension von Militarisierung!

Gemeinsame Kommandos über Bundeswehr, Polizei, Verwaltung und zivile Organisationen halten keine Amokläufer und keine Selbstmordattentäter auf.

Es ist die verallgemeinerte Konkurrenz der modernen „Ellbogen-Gesellschaft“, die zur Verrohung der Menschen beiträgt und auch den Hass sät, der die Grundlage für solche Blutbäder ist. Eine mörderische Ideologie – ob Breivik oder IS – liefert den Tätern einen „höheren Sinn“ für ihre Tat und ihren eigenen Tod.

Wer Sinn in seinem Leben findet, sucht ihn nicht im Tod. Der beste Schutz vor Amoklauf und Terror ist eine Gesellschaft, die allen Menschen ein menschenwürdiges Leben in Frieden ermöglicht. Das kostet vielleicht mehr als eine „Nationalgarde“, nutzt aber auch mehr.

Cornelia Kerth

Via VVN-BdA

Antirassistische Flugblattaktion nach Angriff auf Geflüchtetenunterkunft in Wolfschlugen

20. Juni 2016

, , , ,

Das Antifaschistische Bündnis Kreis Esslingen (ABKE) erklärt in seiner Pressemittleilung vom 20. Juni 2016:

Am Sonntag, den 19.06.2016 hat das Antifaschistische Bündnis Kreis Esslingen (ABKE) in Wolfschlugen bei Nürtingen antirassistische Flyer verteilt.

Anlass für die Flyeraktion war ein rassistisch motivierter Anschlag auf eine Geflüchtetenunterkunft. In der Nacht vom Mittwoch, den 08.06. auf Donnerstag, den 09.06. wurde der abgetrennte Kopf eines Wildschweins an der Zeltstadt in Wolfschlugen angebracht, in die ca. 100 Geflüchtete Ende Juni einziehen werden.

Bereits im Februar diesen Jahres fand ein ähnlicher Anschlag auf eine Zeltunterkunft für Geflüchtete in Ebersbach bei Göppingen statt, bei dem Schlachtabfälle auf ein Zelt gekippt wurden.

Mareike Schmidt, Sprecherin des Bündnisses, sagte zu der Verteilaktion: „Es ist enorm wichtig, dass solche rassistischen Übergriffe nicht unbeantwortet bleiben. 2015 hat sich die Zahl der Angriffe auf Geflüchtetenunterkünfte vervierfacht. Umso wichtiger ist es, sich den Rechten dort, wo sie auftreten und agieren, entschlossen in den Weg zu stellen!“

20. Juni, Stuttgart: Wiedereinweihung des Lilo-Herrmann-Gedenksteines

11. Juni 2016

, ,

Wiedereinweihung des restaurierten Gedenksteins für die Widerstandskämpferin

Lilo Herrmann 1909 – 1938

am Jahrestag ihrer Hinrichtung, Montag, den 20. Juni 2016, 18 Uhr Bei der Uni Stuttgart (Stadtgarten, zwischen den beiden Hochhäusern K1 und K2 – Keplerstr 11 und 17 des Uni-Bereichs Stadtmitte).

Gedenkstein für Lilo Herrmann Foto:  Kamahele Lizenz: Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0

Gedenkstein für Lilo Herrmann
Foto: Kamahele Lizenz: Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0

Lilo Herrmann, Studentin der technischen Hochschule Stuttgart, kämpfte als junge Mutter mutig gegen die Nazis. Sie wurde im Dezember 1935 verhaftet und 1937 vom “Volksgerichtshof” zum Tod verurteilt.

Am 20. Juni 1988, dem 50. Jahrestag ihrer Hinrichtung zusammen mit Stefan Lovász, Josef Steidle und Artur Göritz -, wurde der Gedenkstein vom Stadtjugendring aufgestellt. Geschaffen wurde er von den Bildhauern Herbert Goeser und Joachim Sauter. Auch die VVN-BdA war aktiv beteiligt. Mitglieder, die Lilo noch persönlich gekannt hatten (und ihrem Schweigen vor der Gestapo viel verdankten) nahmen an der Einweihung teil. Karola Bloch (1905-1994) – ehemals “Rote Studentin” in Berlin – hielt damals eine Ansprache. 2000 wurde der Gedenkstein mit Farbe beschmiert, gesäubert und neu eingeweiht.

Im März 2016 wurde er erneut mit einem Hakenkreuz besudelt. Die Universität erstattete Anzeige. Unter Leitung des Universitätsbauamts wird der Gedenkstein in einer Werkstatt fachmännisch in Ordnung gebracht. Die Kosten müssen durch Spenden erbracht werden.

Zum Jahrestag der Hinrichtung Lilo Herrmanns wollen wir den restaurierten Gedenkstein in einer Gedenkfeier wieder der Öffentlichkeit übergeben und laden dazu im Namen aller, die zur Wiederherstellung beigetragen haben, herzlich ein. Eingeladen sind alle, denen daran liegt, dass dieser Stein ein würdiger Gedenkort im Herzen der Stadt bleibt. Auch für alle, die in der Nazizeit von der TH Stuttgart vertrieben und ausgegrenzt, von den Nazis gequält, verjagt oder ermordet wurden. Und zugleich ein Bezugspunkt für alle, die sich im Sinne Lilo Herrmanns gegen alte und neue Nazis engagieren.

Die Universität hat inzwischen durch ihr Archiv ihre Geschichte in der NS-Zeit aufgearbeitet. Es gibt viele neue Erkenntnisse – auch über Lilo Herrmanns Verbindungen zur TH Stuttgart nach 1933. Neben den Redebeiträgen beteiligt sich die Hornbläsergruppe des Universitätsorchesters mit einem musikalischen Beitrag. Nach der Einweihungsfeier lädt die GEW Stuttgart zu einem kleinen Imbiss ein. Es werden Vorkehrungen getroffen, dass die Veranstaltung bei jedem Wetter stattfinden kann.

Spenden zur Restauration: Unter Sichwort „Lilo Herrmann“ VVN-BdA: DE62 6005 0101 0002 1197 48

Streifzüge durch das jüdische Esslingen – Ein antifaschistischer Stadtrundgang

5. Juni 2016

OLYMPUS DIGITAL CAMERADie Esslinger VVN-BdA führte mit ihrem Kameraden Gerhard Voss durch das jüdische Esslingen.

Gerhard Voss ist Pfarrer im Ruhestand und profunder Kenner der jüdischen Geschichte und Kultur der Stadt.
Nachfolgend einige Stationen unseres antifaschistischen Rundgangs, der Einblicke in die jüdische Geschichte nicht nur der Stadt Esslingen gibt.

In Esslingen gab es bereits im Mittelalter eine große jüdische Tradition. So erschien im Jahre 1290 die erste datierte Handschrift deutscher Juden in Esslingen. Es handelt sich hierbei um einen Machsor, eine Sammlung von jüdischen Gebetbüchern.
Den Kaisern unterstanden die Juden einer Schuldknechtschaft. Da ihnen selbst das Tragen von Waffen erboten war, mussten sie sich christlichem „Schutz“ ergeben und dafür hohe „Judensteuern“ zahlen.

Wie in anderen Reichsstädten auch, beglichen die Kaiser auch in Esslingen ihre städtischen Schulden oft dadurch, dass sie die „Judensteuern“ der Stadt überließen, Rückzahlungen an jüdische Gläubiger unterbunden oder Vermögen pfändeten. Im Unterschied zu anderen Reichsstädten durften sich die jüdischen Einwohner aber gegen Zahlung von Sonderabgaben immerhin bei den Zünften organisieren oder im Rat der Stadt bei innerjüdischen Streitigkeiten als Schiedsrichter auftreten.

Von der Bedeutung des jüdischen Lebens in Esslingen zeugen Glasmalereien mit biblischen Szenen aus dem Hochmittelalter, entstanden zwischen 1290 und 1350. Zu sehen sind einige heute noch in der Stadtkirche, der ehemaligen Franziskanerkirche und besonders gut in der Frauenkirche.
Für eine lange Zeit mehr oder minder friedliche Koexistenz zwischen Christen und Juden spricht, dass die Maler die Juden zwar mit „Judenhüten“ kennzeichneten, hierbei aber nur die religiöse Zugehörigkeit verdeutlichten. Von bösartige Entstellungen und Karikaturen, die zu jener Zeit in den berüchtigten und u.a. am Magdeburger Dom heute noch sichtbaren „Judensau“-Darstellungen gipfelten, ist hingegen nichts zu sehen.
Auch wurde in den Glasgemälden in den Esslinger Kirchen auf klassische Elemente christlichen Judenhasses, so die Kenntlichmachung der Juden als „Christusmörder“ verzichtet. In der Szene der Geißelung Christi tragen die Folterknechte keine dieser „Judenhüte“.
Lediglich in einem Fenster in der Stadtkirche wird in den allegorischen Figuren der glanzvollen Ekklesia (Die Kirche) und der (gegenüber dem Erlöser) blinden Synagoge, ähnlich wie im Straßburger Münster, ein deutlicher Gegensatz zwischen Christen- und Judentum hergestellt.

Der Esslinger Hafenmarkt ist ein prägender Ort für die jüdische Geschichte Esslingens. Dass hier, im patrizischen, also einst wohlhabendsten Viertel Esslingens im Mittelalter die erste Synagoge stand, markiert die einstige Bedeutung der jüdischen Gemeinde für die Stadt.

Zugleich ist der Hafenmarkt Schauplatz des ersten antijüdischen Pogroms in Esslingen am 27. Dezember 1348.
Dies ist im Kontext der großen Pestepidemie der Jahre 1347-1352 zu sehen. Dass die Beulenpest durch Ratten und Mäuse über Flöhe auf den Menschen übertragen wird, wurde nicht erkannt. Ebenso fehlte das Verständnis dafür, dass mangelnde Hygiene die Verbreitung der Krankheit begünstigt.

Vielmehr wurden völlig irrationale Erklärungen herangezogen:

So behauptete ein italienischer Geistlicher im April 1348, dass die Pest in Indien ausgebrochen sei, nachdem es dort „Frösche, Schlangen, Eidechsen, Skorpione und viel giftige Tiere“ geregnet habe.

Vielfach wurde die Pest als Gottesgericht gedeutet, was zu einem Zulauf für Geißler- und Flagellantenzüge führte, welche in ganz Süddeutschland, der Schweiz und in Österreich zu antijüdischen Pogromen hetzten oder diese selbst durchführten.

Der Schweizer Schriftsteller Lukas Hartmann beschreibt in seinem Roman „Die Seuche“ eindrucksvoll die abergläubischen und widersprüchlichen Deutungsversuche wie auch die antijüdischen Gewaltexzesse der Geißlerzüge in der Schweiz: „Dauernd sagst du etwas anderes. Einmal fliegt die Krankheit durch die Luft, dann kommt sie über die Straße. Einmal sind die Juden schuld an ihr, dann wieder will Gott uns strafen.“
Hatten in früheren Zeiten Ritualmordlegenden wie 1267 in Pforzheim oder 1288 in Bacharach am Rhein Pogrome gegen ganze jüdische Gemeinden zur Folge, war es im Zuge der Pestepidemie nun der Vorwurf der Brunnenvergiftung.

Erhoben wurde dieser zunächst in Chambéry in Savoyen. Juden hätten mit Zaubermitteln Brunnen und Quellen der Christen vergiftet. Behördliche Boten der französischen Stadt trugen dieses Gerücht nun nach Zürich, Basel, Bern, Freiburg im Breisgau und Straßburg. Von dort gelangte es in fast alle Städte des Heiligen Römischen Reichs.

Pogromwellen in ganz Süddeutschland waren die Folge. In den Oberrheinstädten aber auch in kleineren Reichsstädten wie Buchhorn, dem heutigen Friedrichshafen, wurden 1348 und in den Folgejahren sämtliche jüdischen Einwohner auf dem Scheiterhaufen verbrannt.
Zu Esslingen bemerkt eine in Latein verfasste Chronik, dass am 27. Dezember 1348 „die Juden in ihrer Synagoge (am Hafenmarkt) und in ihren Häusern“ verbrannten. Die Chronik lässt zu den tatsächlichen Geschehnissen zwei Deutungen zu. Entweder wurden die Juden von einem fanatisierten Mob verbrannt oder die Juden begingen unter dem Druck der Zwangstaufen, ähnlich wie aus Mainz in 1349 berichtet, Selbstverbrennungen.

Die christlichen Bürger der Stadt bereicherten sich danach an den Gütern und dem Vermögen der Juden. Der irrationale Vorwurf oder Vorwand der Brunnenvergiftung hatte also einen materiellen Kern. Konnten sich durch die Ermordung der jüdischen Bürger viele doch auch der Zinszahlungen an ihre Gläubiger entledigen.

OLYMPUS DIGITAL CAMERAIm Faschismus war der Hafenmarkt erneut Ort der Gewalt gegen die jüdischen Einwohner Esslingens. Bei allen Deportationen nach Riga, Theresienstadt und in die Vernichtungslager hier der Sammelpunkt. Der Esslinger Verein Denk-Zeichen veranstaltet jährlich am 9. November am Hafenmarkt eine Gedenkfeier. Die Namen aller jüdischen Esslinger Opfer des Faschismus werden dabei verlesen.

Erst 1365 durften sich Juden wieder in Esslingen niederlassen, v.a. deshalb weil die Stadt auf die „Judensteuern“ nicht verzichten wollte. In der Folgezeit waren sie zahlreichen Schikanen ausgesetzt.

Im Jahre 1530 wurden die Esslinger Juden erstmals ghettoisiert. Diese „Judengasse“ wurde 1937 von den Faschisten, um jegliche Erinnerung an die jüdische Geschichte auszulöschen, in Schmale Gasse umbenannt, wie sie bis heute heißt.

Da von den Faschisten als Lagerplatz missbraucht, sind auf dem alten jüdischen Friedhof in der Beutau nur noch wenige Grabsteine zu sehen. Die meisten wurden zerstört. Der Friedhof wurde im Jahre 1807 geweiht und 1874 wegen Platzmangels und wegen der bezüglich der jüdischen Bestattungsvorschriften ungünstigen Bedingungen aufgegeben.

OLYMPUS DIGITAL CAMERADie Esslinger Synagoge im Heppächer bestand seit 1819. Neben dem Gottesdienstraum bot er seit 1847 auch Platz für Jugendliche des Israelitischen Waisenhauses.

Äußerlich unbeschadet, die örtlichen faschistischen Funktionäre fürchteten bei Brandlegung wohl ein Übergreifen auf andere Altstadthäuser, wurden die Innenräume der Synagoge am Morgen nach der Pogromnacht, am 10. November 1938, völlig zerstört. Die gesamte Inneneinrichtung, der Thoraschrein mit seinen wertvollen Schriftrollen wurden zerstört; Kultgegenstände vernichtet oder geraubt. Das Haus wurde zu einem HJ-Heim umgebaut. Nach der Befreiung diente es kurze Zeit für Angehörigen der US-Armee wieder als Synagoge, in späteren Jahren wurde es als Jugendhaus und Kunstgalerie genutzt. Seit 2012 ist das Gebäude nach 73 Jahren wieder Synagoge und wird von der neugegründeten jüdischen Gemeinde für Gottesdienste, Veranstaltungen und Treffen genutzt.

OLYMPUS DIGITAL CAMERAEinige andere Orte sind für Geschichte des jüdischen Esslingen von Bedeutung. Zu nennen ist besonders das ehemalige Israelitische Waisenhaus, geleitet von dem weithin beachteten Pädagogen Theodor Rothschild, der 1944 im KZ Theresienstadt umkam.

Auch lohnt ein Rundgang zu den mittlerweile 40 Stolpersteinen in Esslingen, die dem Gedächtnis der jüdischen, kommunistischen und „Euthanasie“-Opfern des Faschismus gewidmet ist.

OLYMPUS DIGITAL CAMERADie Esslinger VVN-BdA führt mit ihrem Kameraden Gerhard Voss gerne weitere Stadtführungen durch das jüdische Esslingen an. Bei Interesse bitte melden.

Dem antifaschistischen Rundgang durch das jüdische Esslingen soll bald eine Führung durch das rote / gewerkschaftliche Esslingen folgen.

Jens David

Fotos: Johannes Beck

Literatur:

Bergdolt, Klaus (2006): Die Pest. Geschichte des Schwarzen Todes, Verlag C.H. Beck, München.

Hartmann, Lukas (1992): Die Seuche, Diogenes Verlag, Zürich.

Hirsch, Rudolf / Schuder Rosemarie (1999): Der gelbe Fleck. Wurzeln und Wirkungen des Judenhasses in der deutschen Geschichte, PapyRossa Verlag, Köln.

Schild, Thomas R. (2003): Jüdisches Esslingen. Einladung zu einem Rundgang, 3. Aufl. 2015, Verlag Medien und Dialog Klaus Schubert, Haigerloch.

Esslinger Stolpersteine: Eugen Schönhaar

5. Juni 2016

Foto: Thomas Trüten / Umbruch Bildarchiv Berlin

Foto: Thomas Trüten / Umbruch Bildarchiv Berlin

Eugen Schönhaar wurde am 29. Oktober 1898 in Esslingen geboren. 1912 schloss er sich der Arbeiterjugendbewegung an. Während des Ersten Weltkrieges wurde er wegen Antikriegsäußerungen zu drei Monaten Haft verurteilt. Nach dem Krieg schloss er sich der KPD an. Von 1924 bis 1927 arbeitete er in der Internationalen Arbeiterhilfe, später im Zentralkomitee der KPD. Nach der Machtübertragung an die Faschisten Arbeit in der Illegalität.

Nach dem Verrat durch Alfred Kattner wurde Schönhaar zusammen mit anderen Genossen verhaftet und in der Nacht vom 1. auf den 2. Februar mit John Scheer, Rudolf Schwarz und Erich Steinfurth von der Gestapo angeblich auf der Flucht erschossen. Über diese Morde schrieb Erich Weinert sein bekanntes Gedicht „John Scheer und Genossen“.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Schönhaars sterbliche Überreste umgebettet und in der Gedenkstätte der Sozialisten auf dem Berliner Zentralfriedhof Friedrichsfelde beigesetzt.

John Schehr und Genossen
(Erich Weinert)

Es geht durch die Nacht. Die Nacht ist kalt.
Der Fahrer bremst. Sie halten im Wald.
Zehn Mann Geheime Staatspolizei.
Vier Kommunisten sitzen dabei,
John Schehr und Genossen.

Der Transportführer sagt: Kein Mensch zu sehn.
John Schehr fragt: Warum bleiben wir stehen?
Der Führer flüstert: Die Sache geht glatt!
Nun wissen sie, was es geschlagen hat,
John Schehr und Genossen.

Sie sehn, wie die ihre Pistolen ziehn.
John Schehr fragt: Nicht wahr, jetzt müssen wir fliehn?
Die Kerle lachen, na wird es bald?
Runter vom Wagen und rein in den Wald,
John Schehr und Genossen!

John Schehr sagt: So habt ihr es immer gemacht!
So habt ihr Karl Liebknecht umgebracht!
Der Führer brüllt: Schmeißt die Bande raus!
Und schweigend steigen die viere aus,
John Schehr und Genossen.

Sie schleppen sie in den dunklen Wald.
Und zwölfmal knallt es und widerhallt.
Da liegen sie mit erloschenem Blick,
Jeder drei Nahschüsse im Genick,
John Schehr und Genossen.

Der Wagen braust nach Berlin zurück.
Das Schauhaus quittiert: Geliefert vier Stück.
Der Transportführer schreibt ins Lieferbuch:
Vier Kommunistenführer, beim Fluchtversuch,
John Schehr und Genossen.

Dann begibt er sich in den Marmorsaal
Zum General, der den Mord befahl.
Er stellt ihn inmitten des brausenden Ball.
Zu Befehl Exzellenz, erledigt der Fall
John Schehr und Genossen.

Erledigt der Fall, bis zu einem Tag!
Da kracht seine Türe vom Kolbenschlag.
Er springt aus dem Bett. Was wollt ihr von mir?
Komm mit, Exzellenz! Die Abrechnung für
John Schehr und Genossen!

VVN-BdA verurteilt die Vertreibung der Roma aus dem Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma Europas durch die Polizei

23. Mai 2016

,

Der Bundesvorstand der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschisten (VVN-BdA) erklärt in einer Pressemitteilung zu den gestrigen Vorgängen bei dem neben dem Berliner Reichstag gelegenen Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma Europas:

“Gestern hat eine Gruppe von Abschiebung bedrohter Roma das Denkmal besetzt, um auf ihre verzweifelte Lage aufmerksam zu machen.

Seit die ethnisch konstruierten Nachfolgestaaten Jugoslawiens zu „sicheren Herkunftsländern“ erklärt wurden, haben sie als „Balkanflüchtlinge“ keine Chance mehr, in Deutschland Asyl zu finden. Was dabei nicht berücksichtigt wird: Serbien, Kroatien oder Kosovo mögen für Serben, Kroaten oder Albaner sichere Herkunftsländer sein, für Roma nicht! Sie fliehen vor Diskriminierung, Ausgrenzung und Entrechtung. Zu Wohnung, Bildung, Gesundheitsfürsorge – also zu den minimalsten Voraussetzungen eines menschenwürdigen Lebens – haben sie oft keinen Zugang.

Bereits am 14. September 2012, dem Tag der Einweihung des Denkmals, hatte dort eine Gruppe junger Sinti und Roma Jutetaschen umgehängt, auf denen geschrieben stand: „67 Jahre zu spät“. Das waren 67 Jahre, in denen die Überlebenden von Deportation und Völkermord erleben mussten, dass sie in der postfaschistischen Gesellschaft kein Mitleid zu erwarten hatten, keine Reue, keine Scham. Niemand hat sie je um Verzeihung gebeten.

Geschätzte 100.000 der Ermordeten wurden im besetzten Jugoslawien umgebracht: Tausende von ihnen starben als Geiseln der Wehrmacht, jeweils 100 von ihnen wurden für einen von Partisanen getöteten Soldaten erschossen. Mindestens 30.000 Roma wurden unter deutscher Besatzung allein im KZ Jasenovac von kroatischen Faschisten ermordet. Praktisch keine Familie blieb verschont.

Die heute in Deutschland Schutz Suchenden sind fast alle Nachkommen der Opfer. Wo, wenn nicht am Denkmal für ihre ermordeten Angehörigen, sollen sie die deutsche Gesellschaft daran erinnern, dass Gedenken an die Opfer des Faschismus immer auch Verpflichtung für die Gegenwart bedeutet?

In diesem Sinne bleibt das Denkmal Bezugspunkt für die weitere Auseinandersetzung mit dem allgegenwärtigen Antiziganismus auch in Deutschland und die polizeiliche Räumung ein weiterer Skandal.”

Ältere Nachrichten ·